Milan auf Island gesichtet

Ich (Helge) bin einmal quer über die Insel von Reykjavik im Südwesten nach Seyðisfjörður im Nordosten gefahren. Die Fahrt am Samstag letzter Woche auf den achtspurigen Autohighways in Reykjavik mit bis zu 90km/h klappte erstaunlich gut, erst als die Strasse zweispurig wurde, und es auch noch einen steilen Berg hochging, bildete sich eine lange Autoschlange hinter uns, die sich sofort aufgelöst hatte, als ich wieder mit fast 100km/h bergab brettern konnte (die zulaessige Höchstgeschwindigkeit ist auf befestigten Strassen 90km/h und auf den unbefestigten Wegen 80km/h auf Island).<Milan-Island-34 Kurz darauf musste ich den Milan dann auf einer unbefestigten Strasse den Berg hoch schieben, weil das Hinterrad auf den losen Steinchen hilflos durchrutschte. Als es danach wieder bergab ging, konnte ich zumindest wieder mit dem Reisebus auf der kurvigen Strecke mithalten, der mich zuvor bergauf überholt hatte. 

Die meisten befestigten Strassen hier auf Island sind aber mit einem derart rauhen Asphalt versehen, dass die Federung ständig arbeiten muss und die Geschwindigkeit erst auf glatten Strassenbereichen um gut 10km/h auf das gewohnte Mass steigt. Solche Strassen stellen ganz andere Anforderungen an die Reifen als unsere vergleichsweise glatten in Deutschland.

Milan-Island-46Die Walkarbeit in der Reifenkontaktfläche mit der Fahrbahn ist sogar so stark, dass sich die Reifen im Bereich des Übergangs zwischen Pannenschutzstreifen und Reifenwand selbst durchscheuern und platzen, etwas, was ich so noch nie erlebt habe, da kenne ich nur ähnliche Schadensbilder an der Seitenwand des Reifens, wie sie leicht entstehen, wenn zum Beispiel mit zuwenig Luft gefahren wird. 

Island ist schon eine ungewöhnliche Herausforderung für ein Velomobil, nicht nur im Hinblick auf die Straßenverhältnisse. Da es hier fast keine Bäume gibt und auch sonst wenig, was die Kraft des Windes bremst, ist es nicht möglich ein Velomobil einfach irgendwo abzustellen, weil sonst die Gefahr besteht, das es einfach weggefegt wird. Am sichersten steht es noch mit der Spitze in den Sturm, aber uns ist es passiert, dass durch ein schräg davor gestelltes Auto, der Wind so umgelenkt wurde, dass der Milan weggerissen wurde, wobei die Haube aufflog und beim Überschlagen beschädigt wurde, bevor wir den Milan bergen konnten. Mit dem Fahrer als Beschwerung und etwas zusätzlichem Balast im Bug zeigt der Milan jedoch ein vorbildliches Verhalten im Sturm, durch den dadurch leicht hinter dem Schwerpunkt liegenden Flächenschwerpunkt läuft der Milan eigenstabil und kann auch etreme seitliche Luftschläge kompensieren.

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Für den Einsatz auf Island wurde der Milan GT vorne und hinten um 3cm höher gelegt und die Dämpfungder Vorderachse reduziert und die der Hinterachse erhöht. Das so modifizierte Fahrwerk hat sich auf den schlechten Strassen bei Bergabfahrten auch bei Geschwindigkeiten über 120km/h sehr gut bewährt und liess keine Unsicherheit aufkommen. 

Das Fahren auf den Islaendischen Strassen ist im allgemeinen sehr kraftraubend, vor allem, wenn es einem nicht gelingt, sich davon zu verabschieden, dass die gewohnte Geschwindigkeit mit dem üblichen Krafteinsatz in keiner Weise erreicht werden kann. Die schlechte oder sogar unmögliche Kraftübertragung auf schlechten Untergründen erfordert weitere ungewohnte Anstrengungen, im Extremfall sogar das Schieben des Velomobils. Wenn längere Bergstrecken bewältigt werden müssen, sinkt die Durchschnittsgeschwindigkeit erheblich, da die langsame Bergauffahrt nicht durch die schnelle Bergabfahrt ausgeglichen werden kann, da es viel laenger dauert bergauf zu fahren, und diese verlorene Zeit auch durch noch so schnelle Fahrt nicht wieder aufgeholt werden kann. 

Milan-Island-16Beim Bergabfahren können schnell Geschwindigkeiten über 120km/h erreicht werden, da muss man sich dann entscheiden, ob die vor einem fahrenden Autos überholt werden, oder ob die Bremsanlage getestet werden soll. 

Der finale Test war dann die Abfahrt aus dem zuvor auf über 1000m liegenden Hochplateau, dabei ging es dann von über 600m direkt zum Hafen in Seyöisfjöröur knapp über dem Meeresspiegel hinab. Die modifizierten, von Fa. Gingko serienmaessig für den Milan mit Kühlrippen versehenen Trommeln mit 90mm Durchmesser, zeigten zum Glück bis zum Stehenbleiben keine Schwäche, sonst wäre dieser Bericht wohl auch nicht mehr so möglich gewesen. Aus den Radkaesten quoll zwar dicker Rauch und es stank entsetzlich, so dass die nachfolgenden Autofahrer an einen schweren Schaden glaubten, aber selbst die CX-ray Speichen hatten noch ausreichend Vorspannung beim Erreichen des Ziels und auch das Nachlassen der Bremskraft durch die Ausdehnung der Trommel war bei weitem nicht so stark, dass der Bremshebel an den Anschlag gekommen wäre und schon von daher einer weiteren Steigerung der Bremskraft ein Riegel vorgeschoben worden wäre. Zum Testen hatte ich im wesentlichen nur mit einer der beiden vorderen Bremsen gebremst, was beim Milan mit Panzerlenker problemlos geht, da hätte ich zur Not immer noch die zweite Bremse gehabt, um das Fahrzeug im Zweifel mit einer Notbremsung zu stoppen. Milan-Island-38

Da ich es vermieden habe, die Feststellbremse zu benutzen, gab es bei der weiteren Fahrt am nächsten Tag auch kein Bremsruckeln, auch die auf Abrauchen aufgeheizte Bremse funktionierte am nächsten Tage immer noch perfekt. Damit jetzt aber niemand übermütige Bergabfahrten unternimmt, sei noch erwaehnt, dass ich nur etwas mehr als 70kg auf die Waage bringe, selbst mit den etwa 10kg Ballast war das Systemgewicht des Milans also nur wenig über 100kg.Vor Abfahrt hatte ich mich erkundigt, ob es bestimmte Regeln für Radfahrer auf Island gibt, vor allem auf den Innerstädtischen Schnellstrassen hatte ich mit Einschränkungen gerechnet, denn sie sind für hohe Geschwindigkeiten mit Beschleunigungsstreifen und entsprechenden Abfahrten ausgestattet, haben von daher die Anmutung von deutschen Autobahnen, auf die ich mich bisher nur zweimal sehr ungern verirrt hatte. 

Auf Island gibt es aber das erklärte Ziel, den Radverkehr zu fördern, dazu gehört dann eben auch, dass ihm keine Nachteile durch die Aufkündigung von Verkehrsraum entstehen soll (nur der Tunnel unter dem Hvalfjöröur ist für Fahrräder gesperrt). Dass dies sogar klappen kann, zeigt meine Fahrt, wobei bestimmt auch die Mentalität der Autobenutzung zu diesem positiven Ergebnis führt. 

Das Verhalten der islaendischen Autofahrer gegenüber dem Velomobil muss als vorbildlich bezeichnet werden. In der Regel wurde mit viel Abstand langsam überholt, auch scheint es bei einem solchen Anlass Sitte zu sein trotz niedriger Temperaturen mit heruntergelassenen Scheiben zu fahren, während aus dem Fenster eine Gerät zum Fotografieren gehalten wird. In einem Pionierland wie Island mit seinen Extremen Umweltbedingungen, kann jeder einmal auf die Hilfe anderer angewiesen sein. Entsprechend ist das Verhalten der Isländer: Bei kurzen Stops am Strassenrand wurden wir deshalb fast immer gleich von dem nächsten heranfahrenden Autofahrer gefragt, ob wir Hilfe bräuchten. Die Isländer sind grundsätzlich allem neuen gegenüber sehr aufgeschlossen, und es gab ganz oft einen hochgehaltenen Daumen zur Aufmunterung zu sehen. Anders als auf den Faröer Inseln sind wir kein einziges mal angehupt worden. Die Hupe im Milan dagegen wurde öfter bemüht, um die frei laufenden Schafe daran zu hindern, sich vor den Milan zu stürzen. 

Island-2015-2Das hat dann auch über die 809km (Reykjavik mit Umweg über Strandarkirkja nach Seyðisfjörður) prima geklappt, die gesamte Fahrtzeit ohne Pausen betrug 20 Stunden und 31 Minuten. Da der Milan noch mit den Cyos der alten Generation ausgestattet war, hätte ich mir bei Nacht oft die jetzt verbauten neuen gewünscht, denn Anfang September wird es auch auf Island in der Nacht schon für ein paar Stunden dunkel. Entschädigt wird man dafür mit wunderbarem Nordlicht, das nur leider nicht zum Ausleuchten der schwarzen Strassen taugt. Grundsaetzlich hat sich das gesamte Fahrzeug aber viel besser als erwartet bewährt, denn wieder einmal sind einige geplante Einbauten aus Zeitmangel nicht erfolgt, und einiges musste mit Provisorien wie Klebestreifen auf die Schnelle gelöst werden. Das wird wohl immer so bleiben, schön, wenn man sich dann auf den Rest des Fahrzeuges verlassen kann. 

 

Mit ein wenig Anpassung: Milan und Island, das passt!

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© Bilder Reimer Stapf & Torben Schmacke

 
 

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Der Milan kommt fahrbereit mit Lichtanlage, aber ohne Akkuanlage (Zubehör). Die weitere Ausstattung bitte über den Konfigurator und den Reiter "Zubehör" vornehmen!   Technische Daten Länge 2,73 m Breite 0.696 m Karosse Höhe 81,5 cm (unbeladen) Gewicht 28 kg (gelbe Karosse) Wendekreis 14 m (je nach Vorderrad-Bereifung) Sitzwinkel anpassbar

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3 Kommentare

  • Sven 23. Oktober 2015 10

    Island

    Schöner Bericht über deine Reise aber wo sind die Videos? (-:
     
  • Tim 28. Oktober 2015 10

    Comment

    No offense Sir but no velomobile has any business riding in that lousy terrain.Your poor Milan!

    But Thanks for the writ-up.

    Tim
     
  • DeutscherDiesel 4. Februar 2016 10

    große Klasse!

    Zwar hatte ich ja schon bei Eurer Neueröffnung den Bericht gesehen, ihn aber nun noch mal in Ruhe zu lesen und mir die tollen Bilder anschauen gefällt mir sehr. Davon hätte ich gerne noch mehr! :-D
     
 

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